Die Gretchen-Tragödie in Goethes «Faust»Kim Hill
für Dr. N. W. Bolz Die Gretchen-Tragödie ist zugleich einer der wichtigsten und zugänglichsten Bestandteile von Goethes Faustdichtung. Hier wird eine Liebesbeziehung zum Rahmen für Fausts unersättliches Streben nach Erkenntnis. Eigene Liebesbeziehungen waren für Goethe wichtige Anstöße zu dichterischer Arbeit und nahmen große Bedeutung in seiner persönlichen Entwicklung ein. Es ist also kein Zufall daß Faust, der «gute Mensch» mit dem «dunklen Drange» (v. 328), eine Liebesepisode absolvieren muß. Im Aufsatz «Die Gretchen-Tragödie», schrieb Georg Lukács über Goethes Auffassung der Liebe:
Faust braucht also die Liebe, wenn er seine geistige Entwicklung fördern will. Die Liebe ist der vollen Entfaltung seiner Persönlichkeit unentbehrlich, und in seiner alten Welt hat er sie noch nie erlebt. Selbst wenn eine Liebeserfahrung an sich unwichtig für Faust gewesen wäre, hätte er, seinem Vorhaben nach, die Liebe doch erfahren müssen. Denn Faust wollte erfahren, «was der ganzen Menschheit zugeteilt ist» (v. 1770); «Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen» (v. 1773). In Goethes Sicht gehört die Liebe sicherlich dazu. Außerdem schafft die Liebesaffäre eine ideale Auseinandersetzung zwischen Faust und Mephisto. Die hohen moralischen Anforderungen an Faust zeigen auf unmittelbare weise ob er «sich des rechten Weges wohl bewußt» ist. Goethe wußte wohl auch, daß eine bewegte Liebesepisode Einklang bei einem breiten Publikum finden würde.
Erst die Liebe löst in Faust neue Emotionen aus. An die von Mephisto veranstalteten Ereignisse in «Auerbachs Keller» und in der «Hexenküche» ist er gar nicht interessiert. Er redet kaum und zeigt sich als zynisch, distanziert und verachtend. Man erinnert sich an Fausts Zweifel, ob der Teufel ihm je etwas bieten könnte:
Vom Teufelspakt erwartet Faust wenig. Doch zuletzt wird er mit seinem ganzen Wesen an Gretchen beteiligt sein. Dies passiert aber unabhängig von Mephisto, der eigentlich nur mit Randaspekten der Beziehung beschäftigt ist, Es ist nicht Mephisto, sondern Fausts eigene Natur, die ihn zum Handeln bringt. Und es ist die Liebe, nicht der Teufel, die Faust erweckt und verändert. Dabei spielt allerdings die Sinnlichkeit eine wichtige Rolle. Fausts alte Welt, die der rein geistig-akademischen Tätigkeit, bot ihm nichts dergleichen.
Schon nach einer einzigen Begegnung mit Gretchen schwärmt Faust heimlich in ihrem Zimmer:
und fügt hinzu:
Seine wachsende Leidenschaft vermag er nicht zu bewältigen. Sie wird Quelle eines moralischen Konfliktes zwischen Faust und Mephisto. Faust erkennt daß eine sexuelle Bindung zu Gretchen ihr zum Verhängnis werden würde, denn für den immer strebenden Faust kommt eine feste, andauernde Beziehung nicht in Frage, wogegen Gretchen, bei ihrer tiefen, einfältigen Liebe sich nichts anderes vorstellen kann. Die Begierde treibt Faust also in eine moralische Krise. Er steht vor der Entscheidung zwischen Lusterfüllung oder Entsagung. Der Ausgang ist schon zur Zeit des Paktes vorweggenommen:
Entscheidend ist das, was Mephisto den «einzig überallmächtigen Trieb» (v. 3057) nennt. Faust gibt seiner Leidenschaft nach, und der Auswirkungen auf Gretchen bewußt, sagt:
Gretchen ist zwar sehr unerfahren und naiv, aber sie ist doch mehr als ein Stereotyp. Sie ist genügend bürgerlich-konventionell um den Fremden abzulehnen, als er ihr «Geleit» anbietet, aber ist zugleich innerlich ungehemmt indem sie Gefallen an seiner Annäherung findet. Als sie das zweite Juwelenkästchen findet und geheim hält (obwohl sie sich· dessen dunkler Herkunft 4 bewußt ist, setzt sie einen Prozess in Gang, der ihr tragisches Schicksal zuletzt bestimmen wird. Gretchen weiß, daß sie ihrer Erziehung gegenüber zuwiderhandelt. Dies beweist ihre Reaktion auf das Anklopfen an der Tür als sie und die Nachbarin Marthe die Juwelen betrachten:
Gretchen ist kein reines «Opferlamm»; auch sie trägt zur Schuld bei. Doch anders als Faust weiß Gretchen nicht was vor ihr liegt. Sie hat nicht den geistigen Einblick eines Faust, um eine Ahnung von dem Kommenden zu haben. Indem sie gegen die moralische Ordnung verstößt, wird sie schuldig, aber sie folgt dabei nur ihren einfältigen, aufrichtigen und völlig neuen Emotionen. Bei Gretchen gibt es also den Gegensatz zwischen unschuldigem Anlass und schuldigem Ausgang. Am Ende sagt sie:
Goethes Stellungnahme zur Frage der Schuld Gretchens finden wir an mehreren Stellen im Text. Der Geist im «Dom», der Gretchen gnadenlos beschuldigt, wird bedeutenderweise «Böser Geist» genannt. Die bitteren Anklagen von Gretchens Bruder Valentin gelten nicht, denn seine engstirnige Brutalität deutet auf seine Beschränktheit hin. In der Szene «Trüber Tag» sagt Faust:
Und im Kerker:
Gretchens Handlungsweise liegen viele positive Charakterzüge zugrunde; laut Lukács:
Obwohl Gretchen in einer «kleinen Welt» lebt, überflügelt sie deren Beschränkungen. Sie besitzt einen Frieden, eine Anmut, die Faust fehlen. Dies spürt er in ihrem Zimmer:
Über Goethes Auffassung von Gretchens positiven Eigenschaften schrieb Lukács:
Gretchens innere Moralität kommt am Ende des ersten Teils besonders zum Ausdruck. Sie begreift das moralische Versagen eines an Mephisto gebundenen Faust, und weigert sich, den Kerker mit ihm zu verlassen. Ein vergleichbar entwickeltes Moralniveau erreicht Faust erst viel später. Eine Entwicklung moralischer Art macht Gretchen eigentlich nicht durch- Die Moral hat sie immer verstanden, nur nicht die Welt. Diese Selbstverständlichkeit der Moral teilt Faust keineswegs. Der erste Teil «Faust» ist größtenteils ein moralischer Kampf zwischen Faust und Mephisto; zwischen Faust und sich selbst. Intellektueller Fortschritt unbegleitet von moralischer Aufklärung wäre Goethe abscheulich. Mephisto ist nicht immer von Fausts innerlichem «dunklen Drange» zu unterscheiden; er kann in mancher Hinsicht als Teil " der Faustschen Psyche angesehen werden. Viele Dialoge zwischen Faust und Mephisto hören sich sehr wie Dialoge zwischen einem «Über-Ich» und einem «Es» an. Zur gleichen Zeit ist Mephisto kein Anhängsel der Faustgestalt. Bei seinem Menschenverstand und reichen ironischen Humor handelt es sich hier eindeutig um eine unabhängige Figur, die viel zur Handlung beiträgt. Die Begrenztheit von Mephistos Macht über Faust ist unverkennbar. Zum Beispiel, Mephisto behauptet (leise) in der Hexenküche:
Die Andeutung, daß allein Mephistos Kräfte Faust in die Liebe führten, trifft aber nicht zu. Ehe der Zaubertrank überhaupt gebraut wird, erwacht Fausts Leidenschaft schon von selbst. Er steht entzückt vor einer Frauengestalt im Spiegel:
Mephistos Anstrengungen sind Fausts eigenem Willen deutlich untergeordnet, und Faust bleibt immer für sein eigenes Handeln verantwortlich. Und er wird schuldig. Der Widerspruch zwischen seinem weiteren Streben und den Anforderungen einer dauerhaften Beziehung zu Gretchen ist unlösbar, und Faust weiß es. Da die Aufgabe seines Strebens für ihn undenkbar ist, muß er entweder vom Anfang an auf Gretchens Liebe verzichten, oder sie am Ende schwer verletzen. Auch der junge Goethe stand mehrmals einer solchen Problematik gegenüber; darüber schrieb Lukács:
Dagegen verzichtet sich Faust zuletzt nichts. Im Moment in dem Faust sich in Gretchen verliebt, weiß er, daß ihre Verführung verwerflich ist, und wehrt sich vor seiner Begierde. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur Gretchens Schicksal, sondern auch die geistige Komponente seiner Liebe, ein Punkt mit dem er auch mit Mephisto in Konflikt liegt. Mephisto will nämlich die neuen geistigen Werte von Fausts Liebe in nutzlose Sinnlichkeit verwandeln:
Faust kämpft mit sich schon am Anfang der Gretchen-Tragödie. In Gretchens Zimmer hineingeschlichen sagt er zu Mephisto:
Doch als er sich entscheiden muß, ob er ein Geschenk für Gretchen hinterlässt:
...gewinnt Mephisto, und die Juwelen werden in den Schrank gestellt. Darin erkennen wir eine typische Situation: Faust hegt Zweifel an der Weiterverfolgung seiner sinnlichen Ziele, wird aber immer wieder von Mephisto mit Erfolg angestachelt. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Szene «Wald und Höhle». Faust ist von Gretchen geflohen um eine schicksalhafte Verführung zu verhindern, aber Mephisto lockt ihn mit anzüglichen Worten zurück. Faust explodiert:
Aber daraufhin bricht Fausts Widerstand endlich zusammen. Er beruft sich auf die unlösbare Problematik seines Strebens:
und entsagt seine Verantwortung:
Dieser moralische Wendepunkt führt also zu einem Sieg Mephistos. Faust kehrt zu Gretchen zurück und verführt sie, obwohl er «sich des rechten Weges bewußt» ist. Er wird noch schuldiger indem er Gretchen einen Schlaftrunk für ihre Mutter gibt (damit die Liebenden nicht entdeckt werden), der sich als tödlich erweist. Hinzu kommt später der Tod von Gretchens Bruder Valentin, der in einem Angriff auf Faust mit Mephistos Hilfe getötet wird. Jetzt muß Faust vor der Polizei fliehen, und er verläßt dabei Gretchen auf längere Zeit. Das Schuldigwerden Fausts ist eindeutig aber nicht endgültig. Mephisto tut allerdings sein Bestes um seinen Gewinn zu festigen. Aber in der Walpurgisnacht kann er Faust von einer Vision von Gretchen nicht ablenken, und als Faust endlich ihr Schicksal erfährt, wird er wütend:
Es ist ein Verdienst seiner Liebeserfahrung, daß der ehemals zynischer Faust jetzt diese tiefste Teilnahme am Schicksal eines anderen Menschen erlebt. Er ist sogar gewillt, sich zu gefährden, um Gretchen zu retten. Indem Gretchen sich weigert, mit Faust den Kerker zu verlassen, erweist sie ihm einen letzten Dienst. Da er immer noch an Mephisto gebunden ist, kann sie ihm nicht folgen; sie bleibt, um sich mit dem «Gericht Gottes» auszusöhnen. Ihre moralische Entschlossenheit verhindert einen weiteren Sturz Fausts in Mephistos Gewalt. Faust, dessen Busen sich «keinen Schmerzen» verschließen sollte, ist erschüttert:
Aber indem Faust vom Kerker flieht, beweist er daß sein Streben weiterhin den Vorrang hat. Mephisto hat hier keinen wahren Sieg, trotz des verzweifelten Ausgangs der Liebesbeziehung. Gretchen bleibt ihrem Glauben heroisch treu, und Faust erfährt Zugang zu einer wichtigen neuen emotionellen Ebene, ohne seine Unabhängigkeit zu opfern. Die Liebe hat den zynischen Faust bewegt, verändert, erweitert. Gretchens positive moralischen und emotionellen Eigenschaften sind ihm ein Beispiel gewesen. In seinem Faustkommentar schrieb Erich Trunz über Faust und Gretchen:
Eine Synthese der positiven Aspekte beider Figuren entspricht durchaus der Faustschen Entelechie. Über Goethes Auffassung einer solchen Synthese schrieb Georg Lukács:
Demzufolge wäre Gretchen «für Fausts Streben der Genius der Vollendung». Dies wird am Ende des zweiten Teils des Faustdramas verwirklicht. Im Schlussbild des katholischen Himmels trifft Faust Gretchen wieder. Jetzt «Una Poeniteneium» genannt, bittet Gretchen die «Mater Gloriosa»:
Sie antwortet:
Erst jetzt wird die langersehnte Erleuchtung möglich. Mit der Hilfe Gretchens, einer Verkörperung des «Ewig-Weiblichen», wird Faust sein höchstes Dasein erreichen. Literaturliste: Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Kommentiert von Erich Trunz (von der Hamburger Ausgabe Goethes Werke). Georg Lukács: Goethe und seine Zeit Alexander Gillies: Goethe’s Faust - An Interpretation Paul Requadt: Goethes Faust I - Leitmotiv und Architektur Hermann Reske: Faust - Eine Einführung Eudo C. Mason: Goethe's Faust - Its Genesis and Purport |